Albumin in der Sepsis: die unendliche Geschichte, jetzt mit ARISS

Seit 20 Jahren zeigt der Punktschätzer in dieselbe Richtung — und trotzdem trifft keine RCT den primären Endpunkt sauber.

Albumin in der Sepsis — die unendliche Geschichte. In zwei großen Studien lag der Punktschätzer bei den schwer Kranken bei einem relativen Risiko (RR) von 0,87: in SAFE bei schwerer Sepsis (vorab festgelegte Subgruppe, Sterblichkeit nach 28 Tagen) und in ALBIOS bei septischem Schock (nachträgliche Analyse, Sterblichkeit nach 90 Tagen). Die Gesamtergebnisse beider Studien waren neutral. Eine zarte Tendenz zugunsten von Albumin in diesen Subgruppen — und trotzdem trifft keine adäquat gepowerte randomisierte kontrollierte Studie (RCT) je den primären Endpunkt sauber.

Infografik: ARISS, Tod bis Tag 90 bei 43,3 Prozent mit Albumin gegen 45,9 Prozent mit Standardtherapie, RR 0,94

Infusionen bei beatmeten Intensivpatienten: Woher kommt die Flüssigkeit?

Wenn auf der Intensivstation über Flüssigkeit gesprochen wird, geht es meist um den Bolus. Wie viel Volumen braucht der Patient im Schock, wann ist es genug, welche Lösung? Dazu gibt es große Studien und zwei Teile der ESICM-Leitlinie. Was im Hintergrund über Perfusoren, Erhaltungsinfusionen und Ernährung zusammenkommt, ist deutlich seltener untersucht.

Infusionen bei beatmeten Intensivpatienten: Woher kommt die Flüssigkeit?

Die erste CKM-Leitlinie: Herz, Niere und Stoffwechsel an einem Tisch

Drei Jahre nach der Erstdefinition des kardiovaskulär-renal-metabolischen (CKM-)Syndroms — die erste gemeinsame Leitlinie.

Der jahrzehntelange Rückgang der kardiovaskulären Sterblichkeit ist ins Stocken geraten. Ein wesentlicher Treiber: Adipositas — genauer das viszerale Fett um die Taille und seine Spätfolgen an Herz und Niere.

Drei Jahre nach der Erstdefinition des CKM-Syndroms (AHA 2023) gibt es jetzt die erste gemeinsame Leitlinie — kardiovaskulär-renal-metabolisch, getragen von AHA, ACC, ASN und ADA (2026).

Key Takeaways

  • Adipositas als Wurzel — nicht nur über den BMI, sondern konsequent auch über den Taillenumfang. Das metabolisch aktive Bauchfett treibt die Cluster aus Diabetes, CKD und kardiovaskulärem Risiko.
  • Die Niere als kardiovaskulärer Risikofaktor: eGFR bei allen Erwachsenen, Albuminurie (UACR) gezielt ab Stadium 2 — Kreatinin allein unterschätzt das Risiko.
  • Stadien 0–4 mit klarem Ziel: frühe Stadien zurückdrehen, nicht nur verwalten.
  • Geteilte Therapiesäulen: SGLT2i, GLP-1, RAS-Blockade, Finerenon.
  • Versorgung im Team — idealerweise mit einer festen Koordinationsperson.

Ehrlich eingeordnet

Der größte Fortschritt ist konzeptionell. Die Leitlinie zwingt uns, Silos aufzugeben und Kardiologie, Nephrologie und Diabetologie an einen Tisch zu holen. Die schwierigste Empfehlung ist zugleich die wichtigste — interdisziplinäre Koordination in einem fragmentierten System tatsächlich zu leben.


Quelle: 2026 AHA/ACC/ADA/ASN Guideline for CKM Syndrome (JACC/Circulation 2026; DOI: 10.1016/j.jacc.2026.03.056). Vorsitz der Schreibgruppe: Chiadi Ndumele, Johns Hopkins.

Hinweis: Darstellung der Studienevidenz, keine individuelle Therapieempfehlung.

Vadadustat statt Erythropoetin: Gleich wirksam gegen die Anämie an der Dialyse?

Fast jeder Dialysepatient hat eine renale Anämie, und sie trägt zum hohen kardiovaskulären Risiko bei. Seit über 30 Jahren behandeln wir sie mit Erythropoese-stimulierenden Substanzen (ESA), also Erythropoetin und seinen Abkömmlingen. Vadadustat greift anders an. Der orale HIF-Prolylhydroxylase-Hemmer wurde 2024 zugelassen. Eine pragmatische randomisierte Studie hat jetzt Vadadustat dreimal pro Woche gegen ESA bei Hämodialysepatienten verglichen. Vorgestellt wurde sie als Late-Breaking Trial auf der ASN Kidney Week 2026 in Denver.

Vadadustat gegen Erythropoetin bei Hämodialyse: Hämoglobin vergleichbar, 16 Prozent mehr günstige Verläufe, kein Unterschied im Überleben

Hochdosiertes Vitamin D an der Dialyse: Senkt es die Sterblichkeit?

Ein Vitamin-D-Mangel ist bei Dialysepatienten häufig. Ob hohe Dosen das Leben verlängern oder schwere Komplikationen verhindern, war bisher offen. Die SIMPLIFIED-Studie ist dieser Frage nachgegangen. Vorgestellt wurde sie als Late-Breaking Trial auf der ASN Kidney Week 2026 in Denver.

SIMPLIFIED-Studie: hochdosiertes Vitamin D bei Dialysepatienten ohne signifikanten Unterschied bei Sterblichkeit, Klinikaufnahmen, Infektionen und Frakturen

Ravulizumab bei IgA-Nephropathie: Senkt ein Komplementhemmer die Proteinurie?

Bei der IgA-Nephropathie ist das Komplementsystem an der fehlgeleiteten Immunreaktion beteiligt, die den Glomerulus schädigt. Ravulizumab ist ein terminaler Komplementhemmer, der bereits für vier andere Indikationen zugelassen ist. Die Phase-3-Studie I CAN prüft ihn jetzt bei Erwachsenen mit primärer IgA-Nephropathie, randomisiert, doppelblind, placebokontrolliert und weltweit. Eine vorab geplante Zwischenanalyse nach 34 Wochen wurde als Late-Breaking Trial auf der ASN Kidney Week 2026 in Denver vorgestellt.

Ravulizumab bei IgA-Nephropathie, Zwischenanalyse I CAN: Proteinurie signifikant gesenkt, Daten zur Nierenfunktion folgen in Woche 106

Telitacicept bei IgA-Nephropathie: Wie stark sinkt die Proteinurie in 39 Wochen?

Die IgA-Nephropathie ist die häufigste primäre Glomerulonephritis weltweit. Das mediane Nierenüberleben bis zur Dialysepflicht liegt nach Kohortendaten bei etwa 11 Jahren in China und 12 Jahren in Großbritannien. Am Anfang der Erkrankung steht galaktosedefizientes IgA1, dessen Bildung von den Zytokinen BAFF und APRIL gesteuert wird. Telitacicept ist ein TACI-Fc-Fusionsprotein, das beide Zytokine abfängt. In China ist es bereits für Lupus, rheumatoide Arthritis und Myasthenia gravis zugelassen. Im New England Journal of Medicine ist die Zwischenanalyse der Phase-3-Studie TELIGAN erschienen. Telitacicept gehört wie Atacicept zu den TACI-Fc-Fusionsproteinen. Für Atacicept und Sibeprenlimab liegen inzwischen Zweijahresdaten zur Nierenfunktion vor.

Telitacicept gegen Placebo bei IgA-Nephropathie: Senkung der Proteinurie nach 39 Wochen 58,9 gegen 8,8 Prozent

Sibeprenlimab bei IgA-Nephropathie: Bleibt die Nierenfunktion über zwei Jahre stabil?

Viele Patienten mit IgA-Nephropathie verlieren trotz RAS-Blockade weiter Nierenfunktion und erreichen innerhalb von 10 bis 15 Jahren ein Nierenversagen. Die KDIGO-Leitlinie 2025 empfiehlt deshalb, zwei Dinge zu behandeln: die immunologischen Treiber der Erkrankung und die allgemeinen Folgen des Nephronverlusts. Sibeprenlimab zielt auf den ersten Punkt. Der monoklonale Antikörper blockiert selektiv das Zytokin APRIL, das in B-Zellen die Bildung von IgA und galaktosedefizientem IgA1 antreibt und Plasmazellen am Leben hält. Im New England Journal of Medicine sind jetzt die finalen Ergebnisse der Phase-3-Studie VISIONARY erschienen. Am selben Tag erschien dort die Studie ORIGIN 3 zu Atacicept, das BAFF und APRIL zugleich hemmt.

Sibeprenlimab gegen Placebo bei IgA-Nephropathie: Nierenfunktionsverlust oder Nierenversagen 0,4 gegen 11,2 Prozent, HR 0,029

Atacicept bei IgA-Nephropathie: Bleibt die Nierenfunktion damit stabil?

Die IgA-Nephropathie ist die häufigste Glomerulonephritis weltweit und trifft meist junge Erwachsene. Trotz RAS-Blockade und SGLT2-Hemmer verlieren viele Patienten weiter Nierenfunktion. Mindestens die Hälfte erreicht innerhalb von 10 bis 20 Jahren nach der Diagnose ein Nierenversagen oder stirbt. Atacicept setzt weiter vorne an. Das TACI-Fc-Fusionsprotein hemmt BAFF und APRIL und bremst damit die B-Zellen und Plasmazellen, die galaktosedefizientes IgA1 bilden. Im New England Journal of Medicine ist jetzt die finale Wirksamkeitsauswertung der Phase-3-Studie ORIGIN 3 erschienen.

Atacicept gegen Placebo bei IgA-Nephropathie: Fortschreiten der Nierenerkrankung 5,1 gegen 17,8 Prozent, HR 0,24

Was Ärzte vom Segeln lernen können: Ein Blick auf Teamwork, Resilienz und Innovation

Das Segeln und die Medizin mögen auf den ersten Blick sehr unterschiedliche Welten sein, doch bei genauerem Hinsehen offenbaren sich einige Parallelen und wertvolle Lektionen, die Mediziner von Seglern lernen können. Beide Bereiche erfordern Präzision, Teamarbeit, Anpassungsfähigkeit und ständige Innovation. Hier beleuchten wir, welche Erkenntnisse aus dem Segelsport in den medizinischen Alltag integriert werden können.

1. Teamarbeit und Kommunikation

Auf einem Segelboot ist Teamarbeit von entscheidender Bedeutung. Jede Person an Bord hat eine spezifische Rolle, und nur durch effektive Kommunikation und Zusammenarbeit kann das Boot sicher navigiert werden. Dies gilt ebenso für das Gesundheitssystem. In Krankenhäusern und Kliniken arbeiten Ärzte, Pflegepersonal, Therapeuten und Verwaltungskräfte Hand in Hand, um die bestmögliche Versorgung der Patienten sicherzustellen. Eine klare Kommunikation und ein harmonisches Miteinander sind dabei unerlässlich.

Lektion: Regelmäßige Teambesprechungen und klar definierte Kommunikationswege können helfen, Missverständnisse zu vermeiden und die Patientenversorgung zu verbessern.

2. Resilienz und Stressbewältigung

Segler sind oft extremen Bedingungen ausgesetzt – von stürmischen Winden bis hin zu langen Zeiten der Isolation auf See. Diese Herausforderungen erfordern eine hohe psychische und physische Belastbarkeit. Ähnlich stehen Ärzte unter ständigem Druck, schnelle und präzise Entscheidungen treffen zu müssen, oft in lebensbedrohlichen Situationen.

Lektion: Der Aufbau von Resilienz ist entscheidend. Stressmanagement-Programme und regelmäßige psychologische Unterstützung können helfen, die Belastbarkeit des medizinischen Personals zu stärken.

3. Anpassungsfähigkeit und Improvisation

Beim Segeln kommt es häufig zu unvorhergesehenen Ereignissen, die schnelles Handeln und kreative Lösungen erfordern. Ob ein plötzlicher Wetterumschwung oder technische Probleme – Flexibilität und Improvisationstalent sind gefragt. Auch im medizinischen Bereich ist die Fähigkeit, sich schnell an neue Situationen anzupassen, von unschätzbarem Wert. Dies zeigte sich besonders während der COVID-19-Pandemie, als Gesundheitseinrichtungen weltweit gezwungen waren, ihre Arbeitsabläufe und Strukturen in kürzester Zeit anzupassen.

Lektion: Die Förderung einer Kultur der Flexibilität und Innovationsfreude kann dazu beitragen, dass medizinische Teams besser auf unvorhergesehene Herausforderungen reagieren können.

4. Weiterbildung und Training

Segler durchlaufen intensive Trainingsprogramme, um auf ihre vielfältigen Aufgaben vorbereitet zu sein. Regelmäßige Fortbildungen und Übungen sind ein fester Bestandteil ihres Lebens. Auch im medizinischen Bereich ist kontinuierliche Weiterbildung essentiell, um auf dem neuesten Stand der Forschung zu bleiben und die Qualität der Patientenversorgung zu gewährleisten.

Lektion: Investitionen in regelmäßige Fort- und Weiterbildungen sowie Simulationstrainings können die Kompetenzen des medizinischen Personals erheblich steigern.

5. Sicherheitskultur

Der Segelsport legt großen Wert auf Sicherheitsprotokolle und Präventionsmaßnahmen. Sicherheitstraining und das Bewusstsein für potenzielle Gefahren sind integrale Bestandteile der Ausbildung von Seglern. In der Medizin kann eine starke Sicherheitskultur dazu beitragen, Fehler zu minimieren und die Patientensicherheit zu erhöhen.

Lektion: Die Implementierung strenger Sicherheitsprotokolle und regelmäßiger Schulungen kann dazu beitragen, das Risiko von Behandlungsfehlern zu verringern und die Sicherheit der Patienten zu gewährleisten.

Fazit

Das Segeln bietet viele wertvolle Lektionen für den medizinischen Bereich. Durch die Übernahme von Prinzipien wie Teamarbeit, Resilienz, Anpassungsfähigkeit, kontinuierliche Weiterbildung und einer starken Sicherheitskultur können Gesundheitseinrichtungen ihre Effizienz und Qualität der Versorgung verbessern. Letztlich profitieren sowohl das medizinische Personal als auch die Patienten von diesen integrierten Ansätzen. In einer immer komplexer werdenden Welt ist es entscheidend, über den Tellerrand zu schauen und aus den Erfahrungen anderer Bereiche zu lernen.