Kaum eine Komponente der Intensivtherapie beruht so sehr auf dem Bauchgefühl wie die Ernährungstherapie. Oft dominieren Mythen und Reflexe — Patel und McClave räumen im NEJM (9. Juli 2026) damit auf.
Reflex 1: So früh und so voll wie möglich ernähren
Früh ja — enteral in 24–36 Stunden. Voll nein: ca. 25 % des Energieziels reichen in der Frühphase. NUTRIREA-3 (n = 3.044): 6 vs. 25 kcal/kg/Tag → schnellere Entlassungsreife, weniger schwere gastrointestinale Komplikationen unter der niedrigen Dosis. Unter Noradrenalin > 0,5 µg/kg/min ist die frühe volle Dosis schädlich.
Reflex 2: Viel Eiweiß rettet Muskelmasse
Tut es nicht. EFFORT Protein (n = 1.301): ≥ 2,2 vs. ≤ 1,2 g/kg/Tag → kein Unterschied in der Zeit bis zur lebenden Entlassung an Tag 60; Schadenssignal bei hoher Krankheitsschwere und bei akuter Nierenschädigung ohne Nierenersatz. TARGET Protein (JAMA 2025): Tage lebend außerhalb der Klinik an Tag 90 im Median 62 vs. 64. ESPEN 2023: in Woche 1 schrittweise auf 1,3 g/kg/Tag. Grund ist die Anabolieresistenz — kritisch Kranke bauen nur ~60 % der Aminosäuren in Muskelprotein ein.
Reflex 3: Immer über die Sonde, die Vene nur im Notfall
Early PN, CALORIES und NUTRIREA-2 (zusammen > 6.000 Patient:innen): keine Mortalitätsunterschiede, keine zusätzlichen Infektionen. Kurzzeitige intravenöse Ernährung ist sicher, wenn die Sonde nicht geht. Enteral bleibt erste Wahl — aber ohne Dogma.
Reflex 4: Der Magenrest zeigt, ob die Ernährung ankommt
Tut er nicht. REGANE, NUTRIREA-1 und eine Metaanalyse (7 Studien, n = 1.240): keine Reduktion der Pneumonien, keine kürzere Liegedauer — dafür unnötige Ernährungspausen. Diese Routine gehört abgeschafft.
Aktiv verhindern: das Refeeding-Syndrom
Im REFEEDING-RCT lag das 60-Tage-Überleben unter kalorischer Restriktion bei 91 vs. 78 % (p = 0,002). Also: Thiamin 100–300 mg/Tag i.v. ab Ernährungsbeginn (ASPEN 2020), Phosphat/Magnesium/Kalium engmaschig, Blutzucker < 180 mg/dl (SCCM 2024).
Fazit
„Weniger ist mehr“ gilt für die Akutphase, nicht für die Erholungsphase (rund 2 % Muskelverlust pro Tag). Mangelernährte wurden aus den meisten Studien ausgeschlossen — ob gerade sie von mehr profitieren, bleibt die eigentliche Forschungslücke. Ernährung in der Akutphase ist keine Substitution, sondern eine Dosisfrage — und die Dosis ist kleiner als unser Reflex.
Quelle: Patel & McClave, N Engl J Med 2026;395:162–174 (DOI: 10.1056/NEJMra2506111).
Hinweis: Darstellung der Studienevidenz, keine individuelle Therapieempfehlung.













