Ab welchem Blutzucker bekommt ein Intensivpatient Insulin?

Kritische Erkrankung, Operation und Trauma lösen eine Stressreaktion aus. Die Folge sind Insulinresistenz und erhöhte Blutzuckerwerte. Der Zusammenhang zwischen Blutzucker und Sterblichkeit auf der Intensivstation verläuft U-förmig, mit dem niedrigsten Risiko im altersentsprechenden Nüchternbereich. Solche Beobachtungsdaten sind allerdings durch die Schwere der Erkrankung verzerrt, weshalb es randomisierte Studien braucht.

Ab welchem Blutzucker bekommt ein Intensivpatient Insulin?

Albumin oder Gesamteiweiß im Urin: Macht es für die Prognose bei CKD einen Unterschied?

Die Leitlinien empfehlen zur Einschätzung der chronischen Nierenerkrankung die Albumin-Kreatinin-Ratio im Urin (UACR). Der Grund: Sie ist statistisch enger mit Nierenversagen verbunden als die Protein-Kreatinin-Ratio (UPCR). Die UACR braucht aber ein immunturbidimetrisches Verfahren, das nicht überall verfügbar ist. Die UPCR läuft mit breit verfügbarer Kolorimetrie.

Albumin oder Gesamteiweiß im Urin: Macht es für die Prognose bei CKD einen Unterschied?

Wann solltest du bei Bluthochdruck an einen primären Hyperaldosteronismus denken?

Der primäre Hyperaldosteronismus ist häufig und bleibt oft unerkannt. Ein JAMA Insights von Rafey, Davis und Hamrahian fasst zusammen, was die Leitlinien der Endocrine Society und von AHA und ACC aus dem Jahr 2025 zu Screening, Diagnostik und Therapie sagen. Es ist eine kurze klinische Übersicht, keine neue Studie. Für den Alltag ist sie trotzdem nützlich, weil sie die beiden Leitlinien nebeneinanderstellt.

Wann solltest du bei Bluthochdruck an einen primären Hyperaldosteronismus denken?

Weniger ist mehr: Vier Ernährungs-Reflexe auf der Intensivstation

Patel & McClave räumen im NEJM mit vier verbreiteten Reflexen der intensivmedizinischen Ernährungstherapie auf.

Kaum eine Komponente der Intensivtherapie beruht so sehr auf dem Bauchgefühl wie die Ernährungstherapie. Oft dominieren Mythen und Reflexe — Patel und McClave räumen im NEJM (9. Juli 2026) damit auf.

Reflex 1: So früh und so voll wie möglich ernähren

Früh ja — enteral in 24–36 Stunden. Voll nein: ca. 25 % des Energieziels reichen in der Frühphase. NUTRIREA-3 (n = 3.044): 6 vs. 25 kcal/kg/Tag → schnellere Entlassungsreife, weniger schwere gastrointestinale Komplikationen unter der niedrigen Dosis. Unter Noradrenalin > 0,5 µg/kg/min ist die frühe volle Dosis schädlich.

Reflex 2: Viel Eiweiß rettet Muskelmasse

Tut es nicht. EFFORT Protein (n = 1.301): ≥ 2,2 vs. ≤ 1,2 g/kg/Tag → kein Unterschied in der Zeit bis zur lebenden Entlassung an Tag 60; Schadenssignal bei hoher Krankheitsschwere und bei akuter Nierenschädigung ohne Nierenersatz. TARGET Protein (JAMA 2025): Tage lebend außerhalb der Klinik an Tag 90 im Median 62 vs. 64. ESPEN 2023: in Woche 1 schrittweise auf 1,3 g/kg/Tag. Grund ist die Anabolieresistenz — kritisch Kranke bauen nur ~60 % der Aminosäuren in Muskelprotein ein.

Reflex 3: Immer über die Sonde, die Vene nur im Notfall

Early PN, CALORIES und NUTRIREA-2 (zusammen > 6.000 Patient:innen): keine Mortalitätsunterschiede, keine zusätzlichen Infektionen. Kurzzeitige intravenöse Ernährung ist sicher, wenn die Sonde nicht geht. Enteral bleibt erste Wahl — aber ohne Dogma.

Reflex 4: Der Magenrest zeigt, ob die Ernährung ankommt

Tut er nicht. REGANE, NUTRIREA-1 und eine Metaanalyse (7 Studien, n = 1.240): keine Reduktion der Pneumonien, keine kürzere Liegedauer — dafür unnötige Ernährungspausen. Diese Routine gehört abgeschafft.

Aktiv verhindern: das Refeeding-Syndrom

Im REFEEDING-RCT lag das 60-Tage-Überleben unter kalorischer Restriktion bei 91 vs. 78 % (p = 0,002). Also: Thiamin 100–300 mg/Tag i.v. ab Ernährungsbeginn (ASPEN 2020), Phosphat/Magnesium/Kalium engmaschig, Blutzucker < 180 mg/dl (SCCM 2024).

Fazit

„Weniger ist mehr“ gilt für die Akutphase, nicht für die Erholungsphase (rund 2 % Muskelverlust pro Tag). Mangelernährte wurden aus den meisten Studien ausgeschlossen — ob gerade sie von mehr profitieren, bleibt die eigentliche Forschungslücke. Ernährung in der Akutphase ist keine Substitution, sondern eine Dosisfrage — und die Dosis ist kleiner als unser Reflex.


Quelle: Patel & McClave, N Engl J Med 2026;395:162–174 (DOI: 10.1056/NEJMra2506111).

Hinweis: Darstellung der Studienevidenz, keine individuelle Therapieempfehlung.

CO2 aus dem Blut filtern: Hilft das beim Weaning vom Beatmungsgerät?

Ein randomisierter Trial endet nach 18 von 192 geplanten Patienten, weil der Sponsor die Finanzierung einstellt. Was bleibt davon?

Kohlendioxid aus dem Blut filtern: Hilft das beim Entwöhnen vom Beatmungsgerät?

Ein im Labor gezüchtetes Blutgefäß als Dialysezugang

Viele Dialysepatienten bekommen nie einen Shunt, der sich punktieren lässt. Ein im Labor gezüchtetes Blutgefäß soll das ändern. Jetzt gibt es erste randomisierte Daten.

Ein im Labor gezüchtetes Blutgefäß als Dialysezugang

Kortison beim akuten Lungenversagen: nicht ob, sondern wann

Kortikosteroide beim akuten Lungenversagen, dem ARDS, waren jahrzehntelang umstritten. Ein Narrative Review in Intensive Care Medicine sortiert die Datenlage neu: Die Frage ist nicht mehr, ob Steroide wirken, sondern bei wem, wann und welches.

Kortison beim akuten Lungenversagen: nicht ob, sondern wann

Lungenembolie mit normalem Blutdruck — und trotzdem im Schock

Reperfusion — Lyse, Katheterverfahren oder chirurgische Embolektomie — blieb bisher der Hochrisiko-Lungenembolie vorbehalten: Kreislaufstillstand, obstruktiver Schock mit Hypotonie, anhaltende Hypotonie unter 90 mmHg systolisch, wie nach ESC 2019 definiert. Wer normotensiv war, bekam Antikoagulation und Überwachung, auch bei Belastung des rechten Ventrikels.

Lungenembolie mit normalem Blutdruck — und trotzdem im Schock

Staphylokokken im Blut — kompliziert oder unkompliziert zählt nicht mehr

Nach dieser einen Frage richtete sich bei der Bakteriämie mit Staphylococcus aureus seit Jahren die Therapiedauer. In ihren neuen Konsensus-Statements verabschieden sich IDSA und ESCMID davon und stratifizieren stattdessen nach niedrigem und erhöhtem Risiko.

Staphylokokken im Blut — kompliziert oder unkompliziert zählt nicht mehr

Bauchlage im ARDS: Was die Evidenz wirklich zeigt – und was nicht

Der Überlebensvorteil kommt aus Lungenschutz und Dauer – nicht aus dem Sauerstoffwert.

„Bauchlage? Zu aufwändig. Zu gefährlich. Und gibt es dafür überhaupt harte Daten?” Diese Zurückhaltung erlebe ich vielerorts. Die Evidenz sagt etwas anderes.

Infografik: Bauchlage im ARDS – von der Rescue-Maßnahme zum evidenzbasierten Standard

Eine neue State-of-the-Art-Übersicht in Intensive Care Medicine (Ehrmann, Li, Liu, Guérin) blickt auf 50 Jahre Bauchlagerung im ARDS – von der Rettungsmaßnahme zum festen Baustein der lungenschonenden Beatmung. Ein guter Anlass, die wichtigsten Punkte einmal nüchtern zu sortieren.

Was die Daten zeigen

Die Grundlage bildet bis heute PROSEVA (Guérin et al. 2013): ein multizentrisches, randomisiertes Verfahren mit 466 intubierten Patient:innen mit schwerem ARDS (Horovitz-Index < 150 mmHg), die für mindestens 16 Stunden pro Tag auf den Bauch gedreht wurden. Das Ergebnis war deutlich: Die Sterblichkeit nach 28 Tagen lag bei 16 % gegenüber 33 % in der Rückenlage-Gruppe – nahezu halbiert. Rechnerisch entspricht das einem geretteten Leben je sechs behandelte Patient:innen.

Bemerkenswert ist der Kontrast zur Vorgeschichte: Vier frühere Studien zwischen 2001 und 2009 blieben neutral. Der Unterschied lag nicht in der Lagerung an sich, sondern in ihrer Umsetzung – zu kurze Anwendung, ungünstige Beatmung. Erst PROSEVA brachte drei Dinge zusammen: früher Beginn, ausreichende Dauer und lungenschonende Beatmung (kleines Atemzugvolumen, begrenzter Druck). Entsprechend sprechen die aktuellen Leitlinien (ESICM 2023, ATS) heute eine starke Empfehlung bei moderat-schwerem ARDS aus.

Ehrlich eingeordnet: Der Nutzen kommt nicht aus dem Sauerstoffanstieg

Ein verbreiteter Reflex lautet: Der PaO₂ steigt in Bauchlage, also profitiert die Patient:in. Dieser Kurzschluss hält der Prüfung nicht stand. In der Sekundäranalyse von PROSEVA überlebten Patient:innen mit besserer Oxygenierung nicht häufiger als die übrigen. Was zählt, ist die Schonung der Lunge – weniger Stress und Strain – und die Dosis, also die Stunden auf dem Bauch. Nicht der kurzfristige Sauerstoffwert.

Trotz starker Evidenz: eine hartnäckige Lücke

Und dennoch bleibt die Maßnahme unterversorgt. In der LUNG-SAFE-Kohorte wurden weniger als 20 % der schweren ARDS-Fälle bauchgelagert; in Nordamerika erhielten bis zu 47 % der geeigneten Patient:innen die Bauchlage nie. Ja, sie ist aufwändig und nicht ohne Risiko. Aber „aufwändig” ist kein Argument gegen eine Intervention, die die Sterblichkeit halbiert – sondern eines für geschulte Teams und feste Abläufe.

Was das für die Praxis heißt

  • Indikation (intubiert): moderat-schweres ARDS, Horovitz < 150 mmHg, PEEP ≥ 5 cmH₂O – erst nach Optimierung der Beatmung. (PEEP ≥ 5 ist die Mindestvorgabe der Berlin-Definition; real meist höher.)
  • Timing: früh, nach kurzer Stabilisierung. Nicht als letztes Mittel aufsparen.
  • Dosis: mindestens 16 zusammenhängende Stunden pro Tag, täglich wiederholen. Die Stunden entscheiden.
  • Ausschleichen: erst wenn die Besserung anhält (Horovitz ≥ 150 bei PEEP ≤ 10 und FiO₂ ≤ 0,60, gemessen in Rückenlage 4 h nach dem Zurückdrehen). Bleibt der Wert darunter, wird weiter bauchgelagert.
  • Erhöhtes CO₂: Bauchlage senkt es meist (weniger Totraum); permissive Hyperkapnie ist tolerabel, solange die lungenschonenden Grenzen gewahrt bleiben. Bei refraktärer Azidose oder Hypoxämie früh ein ARDS-/ECMO-Zentrum kontaktieren.
  • Risiken managen: Druckstellen (häufigste, dosisabhängige Komplikation), Tubus- und Katheter-Dislokation, Gesichts-/Augen-/Nervendruck, Kreislaufinstabilität beim Drehen – begegnet man mit Polsterung, geschultem Team (3–5 Personen), gesicherter Fixierung und langsamem, koordiniertem Drehen.
  • Kontraindikation: instabile Wirbelsäulenverletzung (einzige breit akzeptierte absolute). Relative Gründe (Adipositas, kürzliche OP, Drainagen) sollen erfahrene Teams nicht abhalten.

Fazit

Nicht der Sauerstoffwert entscheidet, sondern Lungenschutz und Dauer. Bauchlage ist kein Randthema, sondern eine der wenigen Maßnahmen im ARDS mit belegtem Überlebensvorteil – wenn sie früh, lange genug und bei den richtigen Patient:innen angewendet wird.


Quellen: Ehrmann S, Li J, Liu L, Guérin C. Prone positioning in ARDS. Intensive Care Medicine 2026 (Review; DOI 10.1007/s00134-026-08543-x, Open Access). — PROSEVA: Guérin C et al. Prone positioning in severe acute respiratory distress syndrome. N Engl J Med 2013;368:2159–2168 (DOI 10.1056/NEJMoa1214103).

Hinweis: Darstellung der Studienevidenz, keine individuelle Therapieempfehlung.