Albumin in der Sepsis: die unendliche Geschichte, jetzt mit ARISS

Seit 20 Jahren zeigt der Punktschätzer in dieselbe Richtung — und trotzdem trifft keine RCT den primären Endpunkt sauber.

Albumin in der Sepsis — die unendliche Geschichte. In zwei großen Studien lag der Punktschätzer bei den schwer Kranken bei einem relativen Risiko (RR) von 0,87: in SAFE bei schwerer Sepsis (vorab festgelegte Subgruppe, Sterblichkeit nach 28 Tagen) und in ALBIOS bei septischem Schock (nachträgliche Analyse, Sterblichkeit nach 90 Tagen). Die Gesamtergebnisse beider Studien waren neutral. Eine zarte Tendenz zugunsten von Albumin in diesen Subgruppen — und trotzdem trifft keine adäquat gepowerte randomisierte kontrollierte Studie (RCT) je den primären Endpunkt sauber.

Infografik: ARISS, Tod bis Tag 90 bei 43,3 Prozent mit Albumin gegen 45,9 Prozent mit Standardtherapie, RR 0,94

Infusionen bei beatmeten Intensivpatienten: Woher kommt die Flüssigkeit?

Wenn auf der Intensivstation über Flüssigkeit gesprochen wird, geht es meist um den Bolus. Wie viel Volumen braucht der Patient im Schock, wann ist es genug, welche Lösung? Dazu gibt es große Studien und zwei Teile der ESICM-Leitlinie. Was im Hintergrund über Perfusoren, Erhaltungsinfusionen und Ernährung zusammenkommt, ist deutlich seltener untersucht.

Infusionen bei beatmeten Intensivpatienten: Woher kommt die Flüssigkeit?

Intermittierende Dialyse oder CRRT: Ändert ICRAKI den Start auf der Intensivstation?

Welches Verfahren soll ein kritisch kranker Patient mit akutem Nierenversagen bekommen, wenn die Dialyse nötig wird? Die intermittierende Hämodialyse läuft in Sitzungen von drei bis sechs Stunden. Die kontinuierliche Nierenersatztherapie (CRRT) läuft rund um die Uhr, als Dialyse, Filtration oder Kombination beider. Welches Verfahren besser ist, war bisher offen. Die französische ICRAKI-Studie im New England Journal of Medicine gibt darauf eine Antwort, die die Autoren selbst als unerwartet bezeichnen.

Intermittierende Dialyse oder CRRT: Ändert ICRAKI den Start auf der Intensivstation?

Elektrolytstörungen auf der Intensivstation: Der Volumenstatus lässt sich am Bett nicht schätzen

Kaum ein Intensivpatient bleibt verschont. Im Verlauf entwickeln bis zu 75 Prozent eine Hypophosphatämie, über 65 Prozent einen Magnesiummangel, bis zu 25 Prozent eine Hyponatriämie. Bei Aufnahme haben 17 Prozent zu wenig und 12 Prozent zu viel Kalium. Eine aktuelle Übersichtsarbeit ordnet diese Störungen für den Alltag ein. Ihr zentraler Punkt ist ein diagnostischer: Der klinische Eindruck trägt hier nicht.

Elektrolytstörungen auf der Intensivstation: Der Volumenstatus lässt sich am Bett nicht schätzen

Ab welchem Blutzucker bekommt ein Intensivpatient Insulin?

Kritische Erkrankung, Operation und Trauma lösen eine Stressreaktion aus. Die Folge sind Insulinresistenz und erhöhte Blutzuckerwerte. Der Zusammenhang zwischen Blutzucker und Sterblichkeit auf der Intensivstation verläuft U-förmig, mit dem niedrigsten Risiko im altersentsprechenden Nüchternbereich. Solche Beobachtungsdaten sind allerdings durch die Schwere der Erkrankung verzerrt, weshalb es randomisierte Studien braucht.

Ab welchem Blutzucker bekommt ein Intensivpatient Insulin?

Weniger ist mehr: Vier Ernährungs-Reflexe auf der Intensivstation

Patel & McClave räumen im NEJM mit vier verbreiteten Reflexen der intensivmedizinischen Ernährungstherapie auf.

Kaum eine Komponente der Intensivtherapie beruht so sehr auf dem Bauchgefühl wie die Ernährungstherapie. Oft dominieren Mythen und Reflexe — Patel und McClave räumen im NEJM (9. Juli 2026) damit auf.

Reflex 1: So früh und so voll wie möglich ernähren

Früh ja — enteral in 24–36 Stunden. Voll nein: ca. 25 % des Energieziels reichen in der Frühphase. NUTRIREA-3 (n = 3.044): 6 vs. 25 kcal/kg/Tag → schnellere Entlassungsreife, weniger schwere gastrointestinale Komplikationen unter der niedrigen Dosis. Unter Noradrenalin > 0,5 µg/kg/min ist die frühe volle Dosis schädlich.

Reflex 2: Viel Eiweiß rettet Muskelmasse

Tut es nicht. EFFORT Protein (n = 1.301): ≥ 2,2 vs. ≤ 1,2 g/kg/Tag → kein Unterschied in der Zeit bis zur lebenden Entlassung an Tag 60; Schadenssignal bei hoher Krankheitsschwere und bei akuter Nierenschädigung ohne Nierenersatz. TARGET Protein (JAMA 2025): Tage lebend außerhalb der Klinik an Tag 90 im Median 62 vs. 64. ESPEN 2023: in Woche 1 schrittweise auf 1,3 g/kg/Tag. Grund ist die Anabolieresistenz — kritisch Kranke bauen nur ~60 % der Aminosäuren in Muskelprotein ein.

Reflex 3: Immer über die Sonde, die Vene nur im Notfall

Early PN, CALORIES und NUTRIREA-2 (zusammen > 6.000 Patient:innen): keine Mortalitätsunterschiede, keine zusätzlichen Infektionen. Kurzzeitige intravenöse Ernährung ist sicher, wenn die Sonde nicht geht. Enteral bleibt erste Wahl — aber ohne Dogma.

Reflex 4: Der Magenrest zeigt, ob die Ernährung ankommt

Tut er nicht. REGANE, NUTRIREA-1 und eine Metaanalyse (7 Studien, n = 1.240): keine Reduktion der Pneumonien, keine kürzere Liegedauer — dafür unnötige Ernährungspausen. Diese Routine gehört abgeschafft.

Aktiv verhindern: das Refeeding-Syndrom

Im REFEEDING-RCT lag das 60-Tage-Überleben unter kalorischer Restriktion bei 91 vs. 78 % (p = 0,002). Also: Thiamin 100–300 mg/Tag i.v. ab Ernährungsbeginn (ASPEN 2020), Phosphat/Magnesium/Kalium engmaschig, Blutzucker < 180 mg/dl (SCCM 2024).

Fazit

„Weniger ist mehr“ gilt für die Akutphase, nicht für die Erholungsphase (rund 2 % Muskelverlust pro Tag). Mangelernährte wurden aus den meisten Studien ausgeschlossen — ob gerade sie von mehr profitieren, bleibt die eigentliche Forschungslücke. Ernährung in der Akutphase ist keine Substitution, sondern eine Dosisfrage — und die Dosis ist kleiner als unser Reflex.


Quelle: Patel & McClave, N Engl J Med 2026;395:162–174 (DOI: 10.1056/NEJMra2506111).

Hinweis: Darstellung der Studienevidenz, keine individuelle Therapieempfehlung.

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