Telitacicept bei IgA-Nephropathie: Wie stark sinkt die Proteinurie in 39 Wochen?

Die IgA-Nephropathie ist die häufigste primäre Glomerulonephritis weltweit. Das mediane Nierenüberleben bis zur Dialysepflicht liegt nach Kohortendaten bei etwa 11 Jahren in China und 12 Jahren in Großbritannien. Am Anfang der Erkrankung steht galaktosedefizientes IgA1, dessen Bildung von den Zytokinen BAFF und APRIL gesteuert wird. Telitacicept ist ein TACI-Fc-Fusionsprotein, das beide Zytokine abfängt. In China ist es bereits für Lupus, rheumatoide Arthritis und Myasthenia gravis zugelassen. Im New England Journal of Medicine ist die Zwischenanalyse der Phase-3-Studie TELIGAN erschienen. Telitacicept gehört wie Atacicept zu den TACI-Fc-Fusionsproteinen. Für Atacicept und Sibeprenlimab liegen inzwischen Zweijahresdaten zur Nierenfunktion vor.

Telitacicept gegen Placebo bei IgA-Nephropathie: Senkung der Proteinurie nach 39 Wochen 58,9 gegen 8,8 Prozent

Was die Studie untersucht hat

An 72 Zentren in China wurden 318 Erwachsene mit bioptisch gesicherter IgA-Nephropathie randomisiert. Voraussetzung waren eine Proteinurie von mindestens 1 g pro Tag oder ein Protein-Kreatinin-Verhältnis ab 0,8, eine eGFR ab 30 ml/min/1,73 m² und eine stabile Therapie mit ACE-Hemmer oder ARB in maximal vertragener Dosis. SGLT2-Hemmer waren erlaubt, Immunsuppressiva nach einer Auswaschphase von 12 Wochen nicht. Die Patienten erhielten doppelblind 240 mg Telitacicept einmal pro Woche subkutan oder Placebo.

Die Patienten waren im Mittel 38 Jahre alt, 54 Prozent waren Frauen. Die mittlere eGFR lag bei 75,5 ml/min/1,73 m², das mediane Protein-Kreatinin-Verhältnis bei 1,26. Ein gutes Drittel nahm einen SGLT2-Hemmer.

Die Studie hat zwei Teile. Teil A, hier berichtet, prüft nach 39 Wochen die Proteinurie. Teil B läuft bis Woche 104 und soll den Verlauf der Nierenfunktion zeigen.

Die Ergebnisse

Nach 39 Wochen sank das Protein-Kreatinin-Verhältnis im 24-Stunden-Urin unter Telitacicept um 58,9 Prozent, unter Placebo um 8,8 Prozent. Der relative Unterschied betrug 55,0 Prozent (95-%-KI 47,6 bis 61,3) zugunsten von Telitacicept. Die Kurven trennten sich ab Woche 4. Ein Protein-Kreatinin-Verhältnis unter 0,8 erreichten 61,0 gegen 19,5 Prozent der Patienten.

Die eGFR blieb unter Telitacicept praktisch unverändert (minus 1,0 Prozent) und sank unter Placebo um 7,7 Prozent. Einen eGFR-Verlust von mindestens 30 Prozent hatten 6,3 gegen 27,0 Prozent. Diese Zahlen sind beschreibend und nicht für multiples Testen korrigiert.

In einer nachträglichen Analyse sank der Anteil der Patienten mit Hämaturie unter Telitacicept von 71 auf 21 Prozent, unter Placebo blieb er gleich. Die B-Zellen im Blut nahmen um 46 Prozent ab, das Serum-IgA um 61 Prozent.

Sicherheit

Unerwünschte Ereignisse waren unter Telitacicept häufiger (89,3 gegen 78,6 Prozent), schwerwiegende seltener (2,5 gegen 8,2 Prozent). Den Unterschied machten vor allem Reaktionen an der Einstichstelle bei 50,3 gegen 13,8 Prozent, davon zwei schwere, und erwartete Abfälle der Immunglobuline. Ein IgM-Abfall wurde bei 24,5 Prozent als Nebenwirkung erfasst, ein IgG-Abfall bei 13,2 Prozent. Kein Patient fiel unter 3 g/l IgG. Infektionen waren insgesamt ähnlich häufig. Von 31 Patienten mit latenter Hepatitis B unter Telitacicept hatte keiner eine Reaktivierung. Es gab keine Todesfälle.

Wie belastbar ist das?

Die Studie, die der Hersteller RemeGen geplant und finanziert hat und deren Manuskript mit Hilfe von RemeGen bezahlter Medical Writer entstand, ist doppelblind und placebokontrolliert. Für die Einordnung sind mehrere Punkte wichtig:

  1. Es ist eine Zwischenanalyse nach 39 Wochen mit der Proteinurie als Surrogatparameter. Ob Telitacicept die Nierenfunktion erhält, zeigt erst Teil B.
  2. Die eGFR-Daten sind beschreibend. Ein eGFR-Verlust von mindestens 30 Prozent bei 27 Prozent der Placebogruppe in 39 Wochen ist hoch und braucht die Bestätigung durch die Langzeitdaten.
  3. In Woche 39 lagen Proteinuriewerte von 152 Patienten unter Telitacicept, aber nur von 120 unter Placebo vor. Werte nach Beginn einer Notfalltherapie galten als fehlend und wurden statistisch ersetzt. Die vorab geplanten Sensitivitätsanalysen kamen zu gleichen Ergebnissen.
  4. Alle Teilnehmer waren chinesischer Herkunft. Die Autoren selbst sehen die Übertragbarkeit auf andere Populationen als eingeschränkt.
  5. Die Histologie stammt aus Biopsien, die im Mittel über vier Jahre vor Studienbeginn entnommen wurden, und wurde nachträglich ausgewertet.
  6. Einen aktiven Vergleich gab es nicht. Die Autoren halten selbst fest, dass Vergleiche mit anderen Studien nicht zulässig sind.

Was das für die Praxis heißt

Telitacicept senkt die Proteinurie in einer Größenordnung, die auch andere neue Therapien der IgA-Nephropathie erreichen. Die Nebenwirkungen sind überschaubar, die Reaktionen an der Einstichstelle betreffen aber jeden zweiten Patienten. Für eine Therapieentscheidung fehlen die Daten zur Nierenfunktion über zwei Jahre und Daten außerhalb Chinas.

Mit Atacicept, Sibeprenlimab und Telitacicept liegen jetzt drei Phase-3-Studien vor, die auf BAFF und APRIL zielen. Atacicept und Sibeprenlimab haben bereits eGFR-Daten über zwei Jahre. Für Telitacicept steht dieser Schritt noch aus.

Wie bewertet man Proteinuriedaten nach neun Monaten, bevor die eGFR-Daten vorliegen? Erfahrungen und Meinungen gern in die Kommentare.

Quelle: Lv J, Liu L, Wang W, et al. Telitacicept for IgA Nephropathy: Interim Analysis of a Phase 3 Trial. N Engl J Med 2026;394:1916-24, doi:10.1056/NEJMoa2514415


Quelle: DOI: 10.1056/NEJMoa2514415 · Originalarbeit