Wenn auf der Intensivstation über Flüssigkeit gesprochen wird, geht es meist um den Bolus. Wie viel Volumen braucht der Patient im Schock, wann ist es genug, welche Lösung? Dazu gibt es große Studien und zwei Teile der ESICM-Leitlinie. Was im Hintergrund über Perfusoren, Erhaltungsinfusionen und Ernährung zusammenkommt, ist deutlich seltener untersucht.
Genau das hat die PRoFLUID-Studie gemessen. Sie ist am 14. Oktober 2026 in JAMA erschienen und wurde am selben Tag auf dem ESICM-Kongress in Lissabon vorgestellt.
Wie die Studie aufgebaut war
PRoFLUID ist eine prospektive Beobachtungsstudie. Zwischen April 2024 und Juli 2025 haben 206 Intensivstationen in 41 Ländern auf sechs Kontinenten jeweils über 28 Tage alle Erwachsenen eingeschlossen, die innerhalb von drei Tagen nach Aufnahme invasiv beatmet wurden und mindestens 24 Stunden beatmet blieben. Ausgewertet wurden 2.454 von 2.590 geeigneten Patienten. Mehr als die Hälfte kam aus Europa.
Die Patienten waren im Median 63 Jahre alt, 64 Prozent waren Männer, der SOFA-Score am Tag der Intubation lag bei 8. Die Sterblichkeit auf der Intensivstation betrug 32 Prozent, im Krankenhaus 40 Prozent.
Erfasst wurde jede Flüssigkeit ab der Intubation: intravenös und enteral, mit Volumen, Art der Lösung und Indikation. Die Indikationen waren vorab definiert. Volumentherapie dient der Wiederherstellung des zirkulierenden Volumens bei Kreislaufinsuffizienz. Erhaltung und Ersatz decken den Tagesbedarf und laufende Verluste, etwa über Drainagen oder den Magen-Darm-Trakt. Als Trägerlösungen, im Englischen Fluid Creep, zählen die Lösungen, mit denen Medikamente laufen und Katheter offen gehalten werden.
Was herauskam
Am ersten vollen Tag nach Intubation bekamen die Patienten im Median 3,0 Liter (IQR 2,2 bis 4,0). Danach sank die Menge auf 2,6 Liter pro Tag. Die Ausfuhr stieg von 1,9 auf 2,3 Liter. Die Tagesbilanz lag am ersten Tag bei plus 0,9 Liter, am zweiten bei plus 0,5 Liter und danach unter 0,3 Liter. Unmerkliche Verluste sind dabei nicht eingerechnet.
Über die ersten drei Tage verteilte sich das Volumen so:
- Erhaltung und Ersatz: 31,9 Prozent
- Trägerlösungen für Medikamente und Katheter: 30,9 Prozent
- Volumentherapie: 16,0 Prozent
- Enterale Ernährung: 11,6 Prozent
- Transfusion von Erythrozyten und Thrombozyten, orale Flüssigkeit und unklare Indikation: jeweils 3 bis 3,5 Prozent
Dieses Muster war in allen drei Schweregraden gleich. Die schwerst kranken Patienten bekamen nur wenig mehr Flüssigkeit, im Median 2,9 gegen 2,7 Liter pro Tag.
Bei der Art der Lösung dominierten balancierte Kristalloide mit 48,9 Prozent, gefolgt von Kochsalz 0,9 % mit 27,0 Prozent und glukosehaltigen Lösungen mit 15,9 Prozent. Synthetische Kolloide machten 1,3 Prozent aus, Albumin 1,2 Prozent. Albumin und Bikarbonat bekamen die schwerst kranken Patienten häufiger: Albumin 28 gegen 13 Prozent, Bikarbonat 20 gegen 5 Prozent.
Deutliche Unterschiede gab es nach Diagnose. Bei respiratorischem Versagen lag die Menge bei 2,0 Litern pro Tag, bei Pankreatitis bei 4,2 und bei Verbrennungen bei 4,6 Litern.
Der größte Unterschied liegt zwischen den Stationen
Die Autoren haben die Menge für einen standardisierten Patienten berechnet, adjustiert für Schweregrad, Alter, Geschlecht, Gewicht, Diagnose und die Dauer des Intubationstages. Auf eher restriktiven Stationen bekam dieser Patient 2,1 Liter pro Tag, auf mittleren 3,0 und auf eher liberalen 3,9 Liter. Die Tagesbilanz lag zwischen 0,4 und 1,6 Litern. Die erfassten Merkmale der Stationen erklärten das nicht.
Auch bei der Wahl der Lösung gingen die Stationen weit auseinander. Der Anteil balancierter Lösungen reichte vom 10. bis zum 90. Perzentil von 20 bis 97 Prozent, der Anteil von Erhaltung und Ersatz von 10 bis 59 Prozent.
Wie man das einordnen sollte
Im Mittel ist die Praxis heute restriktiv. Der Median lag bei 1,8 ml pro Kilogramm und Stunde, die Studie setzt die Grenze für restriktiv bei 3 ml. Die Autoren weisen auf einen Vergleich hin: Der restriktive Arm von FACTT aus dem Jahr 2006 bekam mehr Flüssigkeit als die liberalen Arme von CLASSIC und CLOVERS. Die Intensivmedizin hat ihre Volumentherapie in zwanzig Jahren deutlich zurückgefahren.
Die übrige Flüssigkeit ist dabei geblieben. Schon 2018 hatten Van Regenmortel und Kollegen in einer retrospektiven Kohorte gezeigt, dass Erhaltung und Trägerlösungen mehr Volumen, Natrium und Chlorid liefern als die Volumentherapie. PRoFLUID bestätigt das jetzt international und prospektiv.
Die Wahl der Lösung folgt inzwischen überwiegend der ESICM-Leitlinie, die balancierte Kristalloide bevorzugt. Die großen Unterschiede zwischen den Stationen zeigen, dass das noch nicht überall angekommen ist.
Grenzen der Studie
PRoFLUID beschreibt Praxis. Aussagen zu Outcomes erlaubt die Studie nicht, und sie wollte das auch nicht. Flüssigkeit aus Rettungsdienst, Notaufnahme und der Zeit vor der Intubation fehlt. Die frühe Bilanz ist deshalb eher unterschätzt. Teilgenommen haben Stationen, die sich für Flüssigkeitstherapie interessieren. Das kann die Ergebnisse in Richtung sparsamer Praxis verschieben. Afrika, Nordamerika und Ozeanien sind mit wenigen Patienten vertreten. Finanziert hat die Studie Amsterdam UMC. Mehrere Autoren berichten Honorare von Herstellern aus dem Bereich Infusionstherapie und Monitoring außerhalb dieser Arbeit.
Was du auf deiner Station mitnehmen kannst
Die Bilanz deiner beatmeten Patienten entsteht zum größten Teil außerhalb der Volumentherapie. Damit liegt dort auch der größte Hebel.
- Mach Trägerlösungen in der Bilanz sichtbar. Was nicht getrennt erfasst wird, fällt bei der Visite nicht auf.
- Prüfe die Erhaltungsinfusion jeden Tag neu. Läuft enterale Ernährung, zählt ihr Volumen mit. Sie machte in PRoFLUID 11,6 Prozent aus.
- Vergleiche eure Praxis mit den Zahlen aus PRoFLUID. Bei gleichem Patienten lagen zwischen den Stationen fast zwei Liter pro Tag.
Wie erfasst ihr Trägerlösungen auf eurer Station? Schreib es gern in die Kommentare.
Quelle: Blok SG, de Grooth HJ, Pisani L et al., Tuinman PR, PRoFLUID Investigators. Fluid Therapy in Mechanically Ventilated Critically Ill Adult Patients. JAMA, online 14.10.2026. doi:10.1001/jama.2026.21291. ClinicalTrials.gov NCT05968066.
Quelle: DOI: 10.1001/jama.2026.21291 · Originalarbeit