Zeigt ein Urinmarker früher als eGFR und Albuminurie, dass die Nierenfunktion abnimmt?

Die Risikoeinschätzung bei chronischer Nierenerkrankung ruht auf drei Säulen: eGFR, Albuminurie und Grunderkrankung. So sieht es auch die KDIGO-Leitlinie 2024 vor. Diese Werte sind unverzichtbar, sie messen aber nicht direkt, was im Tubulointerstitium passiert. Tubulointerstitielle Fibrose und Tubulusatrophie in der Biopsie haben eine eigene prognostische Aussagekraft. Die Biopsie ist jedoch invasiv und wird nur gezielt eingesetzt.

Zeigt ein Urinmarker früher als eGFR und Albuminurie, dass die Nierenfunktion abnimmt?

Diese Lücke soll ein Marker im Urin schließen, der Stress der Tubuluszellen anzeigt. Der bekannteste Kandidat ist Dickkopf-3 (DKK3), ein Glykoprotein, das gestresste Tubulusepithelzellen vermehrt bilden und in den Urin abgeben. Im Tiermodell trägt tubuläres DKK3 zu Atrophie und interstitieller Fibrose bei. Eine neue Metaanalyse im Nephrology Dialysis Transplantation hat jetzt die Daten beim Menschen zusammengetragen.

Wie die Arbeit aufgebaut ist

Shang und Kollegen haben PubMed, Embase, Cochrane, ClinicalTrials.gov und Kongressbeiträge bis Mai 2026 durchsucht. Das Protokoll war vorab registriert, Auswahl und Datenextraktion liefen doppelt. Am Ende standen 24 Volltextstudien und sechs Abstracts. Die Populationen reichen von CKD bei Erwachsenen und Kindern über Diabetes, COPD und Herzinsuffizienz bis zu Glomerulonephritiden, Transplantation und einer Bevölkerungskohorte.

Die Autoren haben die Fragestellungen getrennt ausgewertet: Verlust der Nierenfunktion, Fibrose in der Biopsie, Verbesserung von Vorhersagemodellen und Transplantation. Das ist sinnvoll, denn eine Hazard Ratio für eGFR-Verlust, eine Korrelation mit Fibrose und eine AUC für die Histologie beantworten verschiedene Fragen.

Hauptergebnis: höheres Risiko für Funktionsverlust

In die Hauptanalyse gingen acht Kohorten ein. Verglichen wurden jeweils Patienten oberhalb eines uDKK3-Grenzwerts mit Patienten darunter. Der gepoolte Effekt aus Hazard Ratios und Odds Ratios lag bei 1,82 (95 % KI 1,44 bis 2,30). Die Heterogenität war moderat (I² 32 %), das Vorhersageintervall reichte von 1,15 bis 2,89.

Wer nur die Hazard Ratios betrachtet, kommt auf 1,70 (95 % KI 1,20 bis 2,41). Die Richtung blieb in allen Sensitivitätsanalysen gleich, auch beim Weglassen einzelner Studien. Die Herzinsuffizienzkohorte trieb die Heterogenität: Ohne sie sank I² von 32 auf 4 %, der Effekt lag bei 1,72. Die Autoren stufen die Evidenz für diesen Befund nach GRADE als moderat ein.

Die klinisch interessanteste Kohorte

Am interessantesten finde ich die PROVALID-Kohorte: 3.232 Menschen mit Typ-2-Diabetes in der Hausarztpraxis, mediane Beobachtung 4,3 Jahre. Nur 20 Prozent hatten zu Beginn eine eGFR unter 60 ml/min/1,73 m², nur 20 Prozent eine Albuminurie über 30 mg/g. Trotzdem blieb ein uDKK3 über 200 pg/mg nach Adjustierung für Alter, Geschlecht, eGFR und UACR mit dem renalen Endpunkt verbunden, HR 1,52 (95 % KI 1,13 bis 2,04).

Genau hier liegt der mögliche Nutzen. Nicht albuminurische Verläufe der diabetischen Nierenerkrankung sind bekannt. eGFR und Albuminurie erfassen sie spät. Ein Marker, der Tubulusstress früher zeigt, würde in dieser Gruppe am meisten bringen.

Fibrose: ein Hinweis, kein Beweis

Sechs von sieben Biopsiestudien zeigten in dieselbe Richtung. Nur drei lieferten eine auswertbare Korrelation. Gepoolt lag sie bei r = 0,62, das Konfidenzintervall reichte aber von −0,04 bis 0,91 und schließt damit null ein. In einer Kohorte mit proteinurischen Nierenerkrankungen erkannte uDKK3 eine interstitielle Fibrose über 25 Prozent mit einer AUC von 0,918, allerdings nur intern validiert. Bei Lebendspendern fand sich kein Unterschied.

Die Autoren sprechen deshalb von einem fibroseangereicherten, nicht von einem fibrosespezifischen Signal. uDKK3 misst die Fibrose nicht direkt.

Was die Arbeit nicht zeigt

Die Grenzwerte in den Studien reichen von etwa 200 bis über 5.000 pg/mg Kreatinin. Die Assays stammen von verschiedenen Herstellern, einige sind für Urin validiert, andere nur für Forschungszwecke. Ein Grenzwert aus einer Studie lässt sich nicht auf ein anderes Labor übertragen.

Der Zugewinn an Vorhersagekraft ist klein. In einer Bevölkerungskohorte mit gemessener GFR stieg die C-Statistik um 0,01 bis 0,04. Kalibrierung und Entscheidungskurven berichten die Studien selten. Und es gibt keine prospektive Studie, in der uDKK3 eine Behandlung steuert. Ob der Marker Entscheidungen verbessert oder Patienten nützt, ist offen.

Dazu kommen die üblichen Grenzen einer Metaanalyse aus publizierten Daten: keine Einzelpatientendaten, unterschiedliche Endpunkte und Beobachtungszeiten, bei nur acht Studien kein belastbarer Test auf Publikationsbias.

Was das für die Praxis heißt

Für mich ist uDKK3 ein Marker zur Risikoanreicherung neben eGFR und Albuminurie, kein Ersatz. Die Autoren sehen das genauso. Denkbar ist der Einsatz bei Patienten mit CKD, Diabetes oder Glomerulonephritis, bei denen eGFR und Albuminurie den Verlauf nicht erklären. Dort wäre ein hoher Wert ein Argument für engere Kontrollen oder für die Frage nach einer Biopsie.

Für die Routine ist der Marker noch nicht bereit. Vorher braucht es harmonisierte Assays, validierte Grenzwerte für definierte Populationen und Studien, die zeigen, dass die Messung etwas am Verlauf ändert.

Würdest du uDKK3 bestimmen, wenn eGFR und Albuminurie unauffällig sind, der Verlauf aber nicht dazu passt? Schreib es gerne in die Kommentare.

Quelle: Shang Y, Wang B, Huang Y et al. Urinary Dickkopf-3 as a biomarker for kidney-function decline: a systematic review and meta-analysis. Nephrol Dial Transplant, online 07.08.2026. doi:10.1093/ndt/gfag178


Quelle: DOI: 10.1093/ndt/gfag178 · Originalarbeit