Wer hält die Weiterbildung durch? Nicht die mit den besten Noten

Angela Duckworth verließ mit 27 die Unternehmensberatung und unterrichtete Mathematik in der siebten Klasse an öffentlichen Schulen in New York. Dort fiel ihr etwas auf: Der IQ war nicht der einzige Unterschied zwischen ihren besten und ihren schwächsten Schülern. Manche starken Schüler hatten keine herausragenden Werte. Manche der klügsten kamen nicht mit.

Wer hält die Weiterbildung durch? Nicht die mit den besten Noten

Vier Umfelder, eine Frage

Aus dieser Beobachtung wurde eine Forschungsfrage: Wer hält hier durch, und warum? Duckworth hat sie in vier sehr verschiedenen Feldern gestellt. An der Militärakademie West Point untersuchte sie, welche Kadetten die Ausbildung abbrechen. Beim nationalen Buchstabierwettbewerb, wer am weitesten kommt. Bei Junglehrern in schwierigen Vierteln, wer am Jahresende noch da ist. Und im Vertrieb, wer den Job behält und wer am meisten verdient.

In allen vier Umfeldern sagte dasselbe Merkmal den Erfolg vorher. Und es war keines der naheliegenden: nicht soziale Intelligenz, nicht Aussehen, nicht körperliche Gesundheit, nicht der IQ.

Beharrlichkeit über Jahre, nicht über Wochen

Duckworth nennt das Merkmal Grit — Leidenschaft und Ausdauer für sehr langfristige Ziele. Nicht für eine Woche, nicht für einen Monat, sondern über Jahre an derselben Sache dranbleiben. Ihr Bild dafür: das Leben als Marathon führen, nicht als Sprint.

Die härtesten Zahlen dazu kommen aus Chicago. Tausende Elftklässler füllten einen Fragebogen zu ihrer Beharrlichkeit aus. Ein Jahr später verglich Duckworth, wer den Abschluss geschafft hatte. Die Schüler mit mehr Grit schlossen deutlich häufiger ab — auch dann noch, als sie nach Familieneinkommen, standardisierten Testergebnissen und dem Sicherheitsgefühl an der Schule abglich.

Begabung sagt über das Durchhalten nichts aus

Der unbequeme Teil des Befunds: Talent macht nicht ausdauernd. In Duckworths Daten ist Grit meist unabhängig von Talentmaßen, teilweise sogar gegenläufig. Es gibt viele begabte Menschen, die ihre Vorhaben nicht zu Ende bringen. Begabung allein sagt über das Durchhalten nichts aus.

Damit fällt eine bequeme Annahme weg. Wer Auswahlverfahren auf Leistungsmaße stützt, misst nicht das, was über den Verbleib entscheidet — jedenfalls nicht in den Umfeldern, die Duckworth untersucht hat.

Die ehrliche Stelle des Vortrags

Auf die Frage, wie man Beharrlichkeit aufbaut, antwortet Duckworth im Vortrag: Ich weiß es nicht. Die beste Idee bisher sei das Growth Mindset nach Carol Dweck. Wer versteht, dass sich die eigene Lernfähigkeit durch Anstrengung verändert, hält nach Misserfolgen eher durch, weil Scheitern nicht als Endzustand gilt. Mehr gibt der Vortrag an dieser Stelle nicht her, und Duckworth gibt auch nicht mehr vor.

Was das für die Weiterbildung heißt

Die Facharztausbildung ist ein Marathon über Jahre. Wer sie abbricht, scheitert selten am Fachwissen. Damit passt die Struktur des Problems genau auf das, was Duckworth beschreibt: ein sehr langfristiges Ziel, viele Zwischenmisserfolge, eine Auswahl, die überwiegend auf Leistungsmaße schaut.

Drei Punkte lassen sich daraus an die eigene Abteilung richten. Erstens die Auswahl: Prüfungsergebnisse oder Beharrlichkeit — wonach wird tatsächlich entschieden? Zweitens der Umgang mit Fehlern: gelten sie als Endpunkt oder als Lernschritt? Und drittens die Perspektive: Wissen die Assistenzärzte, wofür sich die langen Jahre lohnen? Antworten liefert der Vortrag darauf nicht. Er sagt nur, dass die Frage nach dem Durchhalten eine andere ist als die nach dem Können.


Quelle: Originalarbeit