Wer Medizin studiert oder in der Weiterbildung steckt, kennt die Zweifel. War die Studienwahl richtig? Hält man die Belastung über Jahrzehnte durch? Lohnt sich der Aufwand? Mit genau diesen Fragen beginnt Prof. Mayur Lakhani seinen Vortrag vor Medizinstudenten. Er nennt den ständigen Wandel im britischen Gesundheitssystem, das Gefühl, dauernd kämpfen zu müssen, und die Sorge um die eigene Laufbahn.
Seine Antwort ist klar: Die Entscheidung für die Medizin war richtig. Danach beschreibt er, was in seiner eigenen Laufbahn als Hausarzt funktioniert hat und was nicht. Fünf Punkte und zwei Warnungen.
Vorweg zur Einordnung: Das ist ein Vortrag mit persönlicher Erfahrung, keine Studie. Lakhani belegt nichts mit Daten. Als Checkliste für die eigene Weiterbildung taugt er trotzdem.
1. Exzellenz als Anspruch
Lakhani wollte nach eigenen Worten nie Mittelmaß abliefern. Durchschnitt soll kein Ziel sein, denn als Arzt reicht weniger als Exzellenz nicht aus. Das klingt nach einem hohen Anspruch, und genau so ist es gemeint. Es geht um die Haltung, mit der man an die tägliche Arbeit geht, nicht um Titel oder Positionen.
2. Forschung muss am Bett ankommen
Der zweite Punkt ist der ungewöhnlichste. Lakhani unterscheidet drei Wissenschaften in der Medizin. Die erste ist die Forschung, die neue Erkenntnisse hervorbringt. Die zweite ist die klinische Forschung, in der Forschung und Medizin zusammenkommen. Die dritte nennt er Improvement Science. Sie fragt, wie die Ergebnisse der Forschung im Alltag ankommen.
Ein Beispiel aus dem Klinikalltag zeigt, warum diese dritte Frage eigenständig ist. Dass Händedesinfektion Infektionen verhindert, ist seit Langem belegt. Trotzdem wird sie im Stationsalltag nicht bei jeder Gelegenheit umgesetzt, bei der sie angezeigt wäre. Eine weitere Studie zur Wirksamkeit ändert daran nichts. Was hilft, sind Prozesse, Schulung, Rückmeldung und Messung im eigenen Haus. Das ist das Feld der Improvement Science, im deutschen Sprachraum eng verwandt mit Implementierungs- und Versorgungsforschung.
3. Ein System für lebenslanges Lernen
Medizin besteht nicht aus einzelnen Abschlüssen und Qualifikationen, sagt Lakhani. Sie ist lebenslanges Lernen. Daraus folgt eine praktische Aufgabe: eine eigene, feste Strategie entwickeln, um auf dem aktuellen Stand zu bleiben. Wer sich darauf verlässt, dass die nächste Pflichtfortbildung die Lücken schließt, verliert den Anschluss.
4. Reflexion und Lernen aus Fehlern
Geprägt hat Lakhani die Erfahrung, dass auch ein Arzt, zu dem er aufsah, Fehler machte. Seitdem hält er fest, was er aus seinen eigenen Fehlern gelernt hat. Er nennt diese Sammlung Mea culpa. Der Punkt ist unspektakulär und schwer umzusetzen. Er verlangt, Fehler nicht zu verdrängen, sondern sie aufzuschreiben und wieder anzusehen.
5. Auf sich selbst achten
Beim fünften Punkt wird Lakhani konkret. Er nennt drei Auslöser von Burnout: die Arbeitslast, fehlenden Einfluss auf das eigene Arbeitsumfeld und schwierige Patientenkontakte. Burnout ist in den helfenden Berufen ein hohes Risiko. Als Gegenmittel nennt er Mentoring, das Gespräch mit der eigenen Organisation und den Austausch mit Kollegen. Wer sich darauf vorbereitet, kann nach seiner Erfahrung planen und vorbeugen.
Zwei Warnungen
Die erste Warnung gilt dem Zynismus, den Lakhani den größten Gegner nennt. Skepsis, kritische Fragen und Nachhaken sind ausdrücklich erwünscht. Schädlich wird es, wenn Veränderung pauschal abgelehnt und Verbesserung blockiert wird. Wer sich an eine sich wandelnde Umgebung anpasst, kommt nach seiner Beobachtung besser zurecht.
Die zweite Warnung gilt dem Anspruchsdenken und der Opferhaltung. Die Erwartung, dass Ausbilder und Klinik alles bereitstellen, was einen guten Arzt ausmacht, trägt nicht. Medizin ist fordernd und belastend. Die Entscheidung für den Beruf war eine eigene, und Lakhani rät, die Chance zu nutzen.
Beide Seiten gehören zusammen
Die zweite Warnung lässt sich leicht als Vorwurf an junge Kollegen lesen. Das greift zu kurz. Lakhani nennt den fehlenden Einfluss auf das Arbeitsumfeld selbst als Auslöser von Burnout. Er redet die Belastung durch das System nicht weg. Seine Antwort darauf ist die eigene Stimme, nicht der Rückzug.
Für Weiterbilder und Oberärzte ergibt sich daraus eine eigene Aufgabe. Wer von Assistenzärzten fordert, sich einzubringen, muss Wege schaffen, auf denen ihre Stimme ankommt. Mentoring, regelmäßige Gespräche und echte Mitsprache bei Abläufen sind genau die Mittel, die Lakhani gegen Burnout nennt.
Was bleibt
Lakhani schließt mit zwei Sätzen: Die eigene Stimme zählt, also den eigenen Einfluss nutzen. Und immer auf der Seite der Patienten stehen.
Welcher der fünf Punkte kommt in deinem Alltag am kürzesten? Schreib es gerne in die Kommentare.
Quelle: Originalarbeit