Die meisten Gespräche zwischen Arzt und Patient finden nicht im Besprechungsraum statt, sondern am Bett. Dort entscheidet sich, ob ein Patient Vertrauen fasst. Und von diesem Vertrauen hängt ab, ob er die Therapie mitträgt, die wir ihm empfehlen.
Respekt ist dafür keine Zugabe. Er ist die Voraussetzung. Er zeigt sich selten in großen Gesten, sondern in kleinen Handlungen, die im Stationsalltag schnell untergehen.
Was die Evidenz sagt
Kathleen Zolnierek und Robin DiMatteo haben 2009 in Medical Care eine Metaanalyse zur Frage veröffentlicht, wie ärztliche Kommunikation und Therapietreue zusammenhängen. Sie haben die Literatur von 1949 bis August 2008 ausgewertet und Effekte aus 106 Korrelationsstudien und 21 Interventionsstudien zusammengefasst, insgesamt 127 Arbeiten.
Zwei Ergebnisse stechen heraus:
- Ärztliche Kommunikation korreliert signifikant positiv mit der Adhärenz der Patienten. Bei Ärzten, die schlecht kommunizieren, ist das Risiko für Non-Adhärenz um 19 % höher als bei Ärzten, die gut kommunizieren.
- In den Interventionsstudien lag die Chance auf Adhärenz bei Ärzten mit Kommunikationstraining 1,62-fach höher als ohne Training.
Der zweite Punkt ist für die Praxis der wichtigere. Er zeigt, dass Kommunikation keine Charakterfrage ist. Sie lässt sich trainieren, und das Training wirkt sich auf die Therapietreue aus.
Ankommen: die ersten Sekunden
1. Mit einem freundlichen Blick beginnen. Eine zugewandte Atmosphäre löst nicht jedes Problem. Sie schadet aber nie und setzt den Ton für alles, was folgt.
2. Sich klar vorstellen. Name und Funktion deutlich nennen. Kaum jemand behält einen Namen nach dem ersten Hören, schon gar nicht in einer Ausnahmesituation. Ein gut lesbares Namensschild hilft.
3. Zuhören. Das klingt selbstverständlich und ist im Alltag schwer. Im Kopf laufen die To-do-Liste, das offene Telefonat und der nächste Patient mit. Patienten merken das. Blickkontakt und volle Aufmerksamkeit für ein paar Minuten machen den Unterschied.
Am Bett: Würde und Privatsphäre
4. Nicht auf das Patientenbett setzen. Im Krankenhaus haben Patienten ihr Zuhause und einen Großteil ihrer Privatsphäre vorübergehend verloren. Das Bett ist oft der letzte persönliche Raum. Besser ist ein Stuhl. Auch die Frage „Darf ich?“ hilft wenig, weil vielen Patienten ein Nein gegenüber dem Arzt schwerfällt.
5. Besucher vor der Untersuchung freundlich hinausbitten. Diese Entscheidung trifft man besser selbst, statt sie dem Patienten zu überlassen. Ist ein Besucher verärgert, sollte das der Arzt aushalten, nicht der Patient.
6. Vor dem Aufdecken um Erlaubnis fragen. Ob Decke, Hemd oder Nachthemd: Viele Patienten sind überrascht, überhaupt gefragt zu werden. Das sagt viel darüber, wie selten es geschieht.
7. Nur aufdecken, was gerade untersucht wird. Abdecktechniken wahren die Würde und kosten kaum Zeit.
Gehen: der Abschluss zählt
8. Wartezeiten erklären. Wer lange gewartet hat, verdient eine kurze Erklärung und ein klares Signal, dass jetzt die volle Aufmerksamkeit ihm gilt.
9. Ergebnisse und nächste Schritte besprechen. Vor dem Verlassen des Zimmers zusammenfassen, was festgestellt wurde und wie es weitergeht, und nach offenen Fragen fragen. Hier entsteht das Verständnis, das die Grundlage für Adhärenz ist.
10. Das Zimmer so verlassen, wie man es vorgefunden hat. Abfall entfernen, Bett zurückstellen, Telefon, Brille und Wasserglas in Reichweite lassen.
Was die Metaanalyse nicht zeigt
Die Arbeit liefert keine Belege für jede einzelne der zehn Gesten. Sie zeigt einen Zusammenhang zwischen Kommunikation insgesamt und Therapietreue. Die Korrelationsstudien beweisen keine Kausalität. Die eingeschlossenen Studien sind zudem heterogen in Population, Setting und der Art, wie Adhärenz gemessen wurde. Die Literatur endet 2008.
Die zehn Punkte sind deshalb keine Studienergebnisse, sondern Erfahrungswerte aus dem Klinikalltag. Sie setzen um, was die Metaanalyse allgemein beschreibt: Patienten folgen eher Ärzten, denen sie vertrauen.
Was das für den Stationsalltag bedeutet
Keiner dieser Punkte erfordert zusätzliche Ressourcen, mehr Personal oder mehr Zeit im Dienstplan. Sie erfordern Aufmerksamkeit, und die ist an langen Tagen das knappste Gut.
Für Führungskräfte auf Station heißt das: Diese Gesten lassen sich vorleben und in der Einarbeitung ansprechen. Die Metaanalyse zeigt, dass sich Training lohnt. Wer neue Kollegen einarbeitet, nutzt diese zehn Punkte am besten als Checkliste für die erste Visite.
Wer sich tiefer mit nonverbalen Signalen beschäftigen will, dem empfehle ich Cues von Vanessa Van Edwards. Das Buch ist nicht für die Medizin geschrieben, lässt sich aber gut auf die Visite übertragen.
Quelle: Zolnierek KB, DiMatteo MR. Physician communication and patient adherence to treatment: a meta-analysis. Med Care 2009;47(8):826-834. doi:10.1097/MLR.0b013e31819a5acc
Quelle: DOI: 10.1097/MLR.0b013e31819a5acc · Originalarbeit