Führung klingt in der Klinik nach Organigramm. Nach Chefarzt, Oberarzt, Stationsleitung. Im Alltag sieht es anders aus. Wer nachts allein auf der Intensivstation steht, führt. Wer bei der Visite den Plan für den Tag festlegt, führt. Wer mit Angehörigen über das Therapieziel spricht, führt. Pflege, PJ-Studenten, Patienten und ihre Familien richten sich nach dieser Entscheidung, ganz gleich, was auf dem Namensschild steht.
Deshalb lohnt sich ein Gedanke von Patrick Lencioni. Der amerikanische Managementautor fragt in seinem Buch „The Motive“ weniger danach, wie man führt, als danach, warum.
Zwei Motive
Lencioni unterscheidet zwei Gründe, eine Führungsrolle zu übernehmen.
Das erste Motiv ist Belohnung. Führung erscheint dann als Lohn für gute Arbeit: Ansehen, Einfluss, ein Titel, mehr Gehalt. Lencioni beschreibt, dass viele junge Menschen Führung so kennenlernen, etwa beim Wunsch, Schulsprecher zu werden.
Das zweite Motiv ist Verantwortung. Führung bedeutet dann eine Verpflichtung gegenüber den Menschen, die von der eigenen Arbeit abhängen: Patienten, Angehörige und das Team aus Pflege und Kollegen. Wer so führt, geht auch Unpopuläres an. Sie kostet Zeit und Bequemlichkeit, und sie dient anderen.
Den Begriff Servant Leadership hält Lencioni deshalb für überflüssig. Er unterstellt, es gäbe daneben eine andere gültige Form von Führung. Für Lencioni gibt es die nicht. Gute Führung ist immer verantwortungsorientiert.
Er nimmt sich selbst nicht aus. Auch er rutsche ins Belohnungsmotiv, sagt er, wenn er sich in seiner Rolle zu bequem eingerichtet habe. Viele Leser seines Buchs hätten das bei sich ebenfalls erkannt.
Fünf Aufgaben, die liegen bleiben
Das Motiv zeigt sich weniger in großen Entscheidungen als in Aufgaben, die keinen Applaus bringen. Lencioni nennt fünf, die Führungskräfte mit Belohnungsmotiv gern aufschieben. Übertragen auf die Klinik betreffen sie jeden Arzt.
1. Das schwierige Gespräch. Lencioni meint Gespräche mit Mitarbeitern über Dinge, die nicht laufen. Im Klinikalltag kommen andere dazu: das Gespräch über Therapiebegrenzung, die Nachricht einer schlechten Diagnose, der Hinweis an einen Kollegen, dass ein Fehler passiert ist. Wer solche Gespräche verschiebt, verschiebt die Last auf andere.
2. Die Menschen, mit denen man arbeitet. Führung heißt zu wissen, woran sie gerade arbeiten und wo sie nicht weiterkommen. Der Kollege, der seit einer Stunde an einem Arztbrief sitzt. Wer neu ist und seinen ersten Dienst hat. Hier geht es um Begleitung, nicht um Kontrolle.
3. Das Team. Teamarbeit lässt sich laut Lencioni nicht an die Personalabteilung oder an externe Berater abgeben. Auf Station heißt das: Zusammenarbeit und ständige kollegiale Abstimmung mit Pflege und Kollegen gestaltet jeder Arzt mit, jeden Tag, in jedem Ton am Telefon und in jeder Übergabe.
4. Die Besprechung. Viele empfinden Besprechungen als lästig. Lencioni hält gut vorbereitete und gut geleitete Besprechungen für eine Kernaufgabe von Führung. Die klinischen Pendants sind Übergabe, Visite und Frühbesprechung. Eine Übergabe, die strukturiert ist und mit einem Plan endet, den Team und Patient mittragen, ist Patientensicherheit.
5. Kommunikation. Lencioni rät zur Überkommunikation. Informationen zurückzuhalten ist für ihn ein Kennzeichen des Belohnungsmotivs. Im Stationsalltag heißt das, den Plan so oft zu kommunizieren, bis ihn alle Beteiligten kennen: Pflege, Patient, Angehörige und der Kollege im Spätdienst.
Warum das in der Medizin zählt
Die Medizin bietet viele Belohnungen für Führung. Titel, Positionen, Vorträge, Publikationen. Das ist nicht falsch. Zum Problem wird es, wenn diese Belohnungen der Grund sind, die Rolle anzunehmen, und die unbequemen Aufgaben dabei liegen bleiben.
Lencionis Unterscheidung ist kein wissenschaftliches Modell. Sie ist eine Frage, die sich jeder Arzt stellen kann, unabhängig von der Stufe in der Hierarchie: Für wen tue ich das? Wer die Antwort kennt, erledigt die fünf Aufgaben auch an Tagen, an denen sie keiner sieht.
Welche der fünf Aufgaben bleibt im eigenen Alltag am ehesten liegen? Darüber diskutiere ich gern auf LinkedIn.
Quelle: Patrick Lencioni über sein Buch „The Motive“, Video auf YouTube: https://www.youtube.com/watch?v=y80GVw1njzg. Grundlage ist eine Zusammenfassung des Videos, die Aussagen sind sinngemäß wiedergegeben.